
Minimum Viable Product (MVP)
Der Aufbau eines Minimum Viable Product (MVP) ist ein entscheidender Schritt für Unternehmen, um ihre Ideen schnell auf den Markt zu bringen, direktes Feedback von Nutzern zu erhalten und auf dieser Basis iterative Verbesserungen vorzunehmen.
Für mein erstes Unternehmen hatten wir 2006 unseren ersten MVP gebaut. Wir waren drei Gründer und hatten keine Ahnung von E-Commerce, Web-Entwicklung oder Online-Marketing. Wir hatten aber diese eine Idee und wollten möglichst schnell herausfinden, ob es sich lohnt, hierfür unsere Jobs aufzugeben. Damals entstand quasi unser erster MVP. Mein damaliges Unternehmen habe ich 2012 an einen größeren Konzern verkauft (MVP war demnach erfolgreich) und seither weitere 7 Unternehmen gegründet.
Sowohl für die Gründung, aber noch entscheidender, für die Produktentwicklung innerhalb dieser Unternehmen, nutzen wir noch immer die gleiche Herangehensweise: Ideen schnell auf dem Markt zu bringen, um Feedback zu erhalten und auf dieser Basis iterative Verbesserungen vorzunehmen.
In diesem Artikel beschreibe ich die die Kernprinzipien und Strategien hinter der Entwicklung eines MVP anhand meiner eigenen Erfahrungen und zeige zusätzlich praktische Beispiele und bewährte Methoden, um Produkte erfolgreich zu entwickeln und zu skalieren.
Die Philosophie des MVP
Grundsätzlich ist ein MVP die einfachste Version eines Produkts, die entwickelt wird, um die Daseinsberechtigung einer Produkt- oder Geschäftsidee mit minimalem Aufwand zu testen. Das Ziel ist es, schnell zu verstehen, was die Nutzer tatsächlich brauchen und sich wünschen, anstatt Wochen oder Monate in die Entwicklung von Features zu investieren, die am Ende möglicherweise nicht einmal gewünscht sind.
Im Mittelpunkt dieser Vorgehensweise steht dabei der Gedanke, den Perfektionismus zu überwinden und sich stattdessen auf das Wesentliche zu konzentrieren: schnelles Feedback und iterative Entwicklung.
Dieser vermeintlich banale Grundsatz stellt auf Basis meiner persönlichen Erfahrungen das größte Problem für viele dar, denn sie tun sich unheimlich schwer etwas zu launchen, was vermeintlich noch nicht mal ansatzweise gut oder gar perfekt ist. Dazu aber später mehr.
Exkurs für Gründer:
Wir haben unseren damaligen MVP zusätzlich dafür genutzt, um Daten zu sammeln. In unserem Fall waren es Informationen zu Kundenakquisitionskosten, durchschnittlichen Warenkörben und Conversion Rates. All diese Informationen waren wichtig, um zu verstehen, ob sich unsere theoretische Idee auch wirklich umsetzen lässt.
Schneller Start und Iteration
Die zentrale Botschaft lautet, schnell zu starten. Ein MVP soll so schnell wie möglich in die Hände der Nutzer gelangen, um reales Feedback zu sammeln und zu lernen, ob und wie das Produkt ihren Bedürfnissen entspricht. Dieser Ansatz widerspricht der traditionellen Vorstellung, dass ein Produkt erst nach umfangreicher Planung und Entwicklung auf den Markt gebracht werden sollte. Stattdessen betont er die Bedeutung von Agilität und Anpassungsfähigkeit in den frühen Phasen eines Produktes oder eines Startups. Dieser Prozess des Lernens und Verbesserns ist wesentlich effizienter als der Versuch, das perfekte Produkt in Isolation zu entwickeln.
An dieser Stelle ist es hilfreich sich vor Augen zu führen, dass man versucht mit seinem Produkt ein relevantes Problem zu lösen. Und wenn es wirklich Nutzer gibt, die dieses relevante Problem haben, dann sind diese auch bereit, gerade zu Beginn ein noch nicht perfektes Produkt zu nutzen. Insbesondere dann, wenn es sich bei den Nutzern um Early Adopter handelt, bringen diese eine hohe Kompromissbereitschaft mit.
Als wir den MVP von Mädchenflohmarkt gelauncht haben, sind wir mit einer Zahlungsart (Paypal) und 5 Hauptkategorien gestartet. Mittlerweile haben wir pro Land mehr als 5 Zahlungsarten, über 700 Kategorien und dutzende zusätzlicher Suchfilter.
Überwindung von Ängsten und Missverständnissen
Viele Gründer zögern, ein MVP auf den Markt zu bringen, aus Angst vor Ablehnung oder dem Scheitern ihres Produkts. Diese Angst ist jedoch unbegründet. Gerade die erwähnten Early Adopter sind in der Regel sehr offen für neue, unvollkommene Produkte und bereit, konstruktives Feedback zu geben. Sie suchen nach Lösungen für ihre Probleme und sind weniger an einem perfekten Endprodukt interessiert als an einem funktionierenden Grundangebot. Die wirkliche Gefahr liegt nicht im Launch eines unvollkommenen Produkts, sondern in der Verzögerung des Lernprozesses durch Zögern und Überperfektionierung.
Ich habe irgendwo die sehr passende Erinnerung dazu gelesen: „Wenn man sich zum Launch eines Produktes nicht schämt, dann ist man zu spät gestartet“.
Beispiele erfolgreicher MVPs
Die Anfänge von heute weltbekannten Unternehmen wie Airbnb, Twitch und Stripe zeigen, dass selbst die einfachsten MVP-Versionen mit begrenzter Funktionalität den Grundstein für späteren Erfolg legen können. Airbnb begann mit der Vermietung von Luftmatratzen während überbuchter Konferenzen, Twitch war am Anfang einzig ein dauerhaft laufender Live-Stream seines Mitbegründers und Stripe bot eine rudimentiere Schnittstelle zum Zahlen mit Kreditkarten an. Alle Unternehmen starteten mit sehr grundlegenden Funktionen und fokussierten sich darauf, ein spezifisches Problem für eine klar definierte Nutzergruppe zu lösen. Durch kontinuierliches Feedback und iterative Verbesserungen entwickelten sie sich zu den umfassenden Produkten, die wir heute kennen.
Nochmal die Erinnerung: Es geht nicht darum, das 100% finale Produkt zu testen. Ehrlicherweise kennt niemand das 100% finale Produkt, da es sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Wie sagt man so schön „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.“
Mein erstes Unternehmen ist eigentlich als Empfehlungsplattform von Männern, für Männer gestartet. Wir hatten sogar den Slogan „Von Männern, für Männer“. Und dennoch wurde das Produkt (die Webseite) von Anfang an zu über 90% von Frauen genutzt.
Die Zielgruppe des MVP: Early Adopters
Die ersten Nutzer eines MVP sind entscheidend für den Erfolg. Diese Early Adopters sind bereit, mit den Gründern zusammenzuarbeiten, um das Produkt zu verbessern, da deren Probleme so akut sind, dass sie auch bereit sind, frühe, rudimentäre Versionen eines Produkts zu nutzen. Nach meinen Erfahrungen ist es in dieser Phase auch besonders einfach Nutzerfeedback zu erhalten, da diese Art von Nutzern eine sehr hohe Bereitschaft und auch das notwendige Maß an Verständnis dafür mitbringt. Entsprechend lohnt es sich, diese Early Adopter rechtzeitig zu identifizieren und frühstmöglich anzusprechen.
Für mein erstes Unternehmen haben wir uns damals entschieden einen Fachblog zu kontaktieren und dem Betreiber bereits vor dem Launch unseres MVPs über die Idee und die ersten Entwürfe zu erzählen: Artikel
Der richtige Umgang mit Nutzerfeedback
Eines der wichtigsten Elemente beim Aufbau eines MVP ist die Einbeziehung von Nutzerfeedback in den Entwicklungsprozess, da man nur dadurch in der Lage ist, Hypothesen zu testen, Annahmen zu hinterfragen und die Richtung der Produktentwicklung basierend auf realen Daten anzupassen.
Nach meiner Erfahrung sollte dieser Prozess quasi in Echtzeit erfolgen, da man gerade am Anfang noch nahezu 100% seines Fokus auf die Produktentwicklung legen kann. Konkret bedeutet das, dass man das erhaltene Nutzerfeedback sofort umsetzen sollte. Nur dadurch kann man es wiederum sofort testen und die Entscheidung treffen, ob es auch für andere Nutzer sinnvoll ist oder eben nicht.
Gerade wenn man in dieser Phase sehr eng mit Nutzern zusammenarbeitet, sollte man seinen Nutzern auch das Feedback geben, wenn man Feedback von ihnen nicht umsetzt oder wenn eine Weiterentwicklung wieder zurückgefahren wird. Dadurch zeigt man Wertschätzung und behält die Motivation für weiteres Feedback hoch.
Ich möchte hier ein wichtiges Missverständnis klären. Es geht nicht darum, theoretische Kundenbefragungen durchzuführen, den Kunden wissen oft selbst nicht genau was sie wollen bzw. wünschen sich Dinge, für die sie später unter Umständen nicht bereit sind zu zahlen. Es geht darum, ein Produkt zu bauen, es am Kunden zu testen, darauf aufbauend Feedback einzuholen, das Produkt weiterzuentwickeln, erneut zu testen, und genauso immer weiter.
MVPs in der Praxis: Schnell und fokussiert bauen
Ein vermeintlich kleines, aber wesentliches Detail: Um einen MVP wirklich schnell zu launchen, sollte man sich eine klare Deadline setzen und bereits zum Start die Elemente (Features) definieren, die man wirklich (!!!) dafür benötigt.
Wie geht man dazu vor? In der Regel hat man eine Vision des eigentlich angestrebten Produktes. Pauschal würde ich empfehlen 80-90% aller, für den MVP unnötigen, Features zu streichen. Als Faustregel gilt hier erneut, dass es einem schwerfallen sollte, ein so rudimentäres Produkt zu launchen. Es geht darum schnell zu lernen und das Produkt auf Basis von realem Nutzerfeedback zu verbessern, nicht ein „schönes“ Produkt beim ersten Versuch zu launchen.
Um ehrlich zu sein, haben wir auch heute immer wieder Diskussionen, ob bzw. wann wir ein Produkt launchen. Sobald mehrere Personen (Gründer, Produktmanager, Entwickler, Designer, etc.) mit unterschiedlichen Blickwinkeln beteiligt sind, ist es nicht immer einfach eine schnelle Entscheidung zu treffen, da ein „rudimentäres Produkt“ für alle unterschiedlich interpretiert wird.
Fazit und weitere Gedanken
Ein MVP ist weit mehr als nur eine einfache Version eines Produkts; es ist ein Ansatz, um schnell zu lernen, sich anzupassen und ein Produkt zu schaffen, das echte Nutzerprobleme löst.
Für mich ist der Aufbau eines MVP nicht nur ein Schritt in der Produktentwicklung, sondern eine Philosophie, die die Art und Weise, wie man über Produktentwicklung, Kundenfeedback und iteratives Design denken, verändert.
Diese Art zu denken und zu handeln stellt auch die Grundlage für die Weiterführung des Produktes oder gar des Unternehmens dar. Möchte man eine Kultur, in der Produkte auf Basis von reinen Ideen entwickelt werden und damit quasi isoliert von realen Kundenbedürfnissen oder möchte man eine Kultur, die sich so früh wie möglich an den Bedürfnissen der Kunden ausrichtet und damit die Basis schafft, dass die Kunden das Produkt lieben? Ich denke an dieser Stelle sind die Interessen aller Beteiligten ähnlich.